Fragen zur Baugeschichte der Kirche Berg (R. Bamert, 2021)

Fragen zur Baugeschichte der Kirche Berg

 

Die Glocken der Kirche Berg

Die Glocken von Berg (Campanae Helv. 2023)

 

Geschichte der Kirche und Pfarrei Berg-Freidorf

Die Kirche St. Michael in Berg SG steht – weithin sichtbar – auf einem Geländevorsprung über dem Bodensee.
Im massiven, markanten Turm mit Zeltdach läuten fünf Glocken die Gottesdienste ein und ein schöner Dreiklang schlägt die Zeit. (grösste Glocke: Hl. Michael, gestimmt auf A; 2. Glocke: Hl. Sebastian, C; 3.Glocke; Ave Maria, e; 4. Glocke: Hl. Schutzengel, g: 5. Glocke: Hl. Barbara, a. Gegossen 1931 in Kempten).
Die Geschichte der kleinen Barockkirche reicht ins erst Jahrtausend zurück und hat viele Bauphasen erlebt. In der ältesten Urkunde von 904 verpflichtet sich Wolfgram, ein weltlicher Herr und Beamter Kaiser Karl des Dicken gegenüber Abtbischof Salomo III., im Bethäuschen zu Berg Messe zu lesen, Psalmen zu singen und Lichter brennen zu lassen.
Dieses älteste Kirchlein war – recherchiert aufgrund archäologischer Ausgrabungen – ein rechteckiger Saal von 8m x 12m. Bauliche Erweiterungen folgten. Bald darauf zeugen Brandspuren von Zerstörung. Ob Ungarn, die Mitte des 10. Jh. mehrmals die Bodenseegegend raubend und sengend heimgesucht haben, daran Schuld waren? Auf jeden Fall wurde wieder aufgebaut und im 13. Jahrhundert auf 8m x 20m erweitert und eine kleine Sakristei angebaut. An Stelle dieser Sakristei wurde um 1400 – der Sitte der Zeit entsprechend – ein massiver Turm errichtet. So blieb die Kirche über die Stürme der Reformation hinaus bis ins 17. Jh. bestehen.
In der zweiten Hälfte des 17. Jh. wurde die jetzt viel zu kleine Kirche erweitert, erhielt 1678 eine Empore und zum letzten Mal setzten Bauleute beim Schiff an; so, dass von 1776 bis 1777 die Kirche – unter der Leitung des Baumeisters Johann Ferdinand Beer (1731-1789), ihr heutiges Ausmass erhielt.
In und an der Kirche finden sich bis heute Zeugen der verschiedenen Bauetappen. So z.B. links neben dem Hauptaltar, über dem Ewiglicht, an der östl. Chorwand ein freigelegtes romanisches Apostelkreuz (um 1200), die freigelegten Wandmalereien(von 1653) an der südlichen Chorwand, welche die Apostel Jakobus und Andreas zeigen. Weiter die Grabstellen an der rechten Seite vorne im Schiff und aussen rechts und links vom Hauptportal.
Jetzt fehlte nur noch die 1928 erstellte sechsstützige Vorhalle (erbaut durch Architekt Adolf Gaudy, 1872-1956).

Die Kirche Berg-Freidorf heute

Betreten wir durch diese Vorhalle die Kirche, empfängt uns ein festlicher, spätbarocker Raum in warmen Rottönen an den Seitenaltären, grün-aschfarben im Hauptaltar und Gold.
Am Hochaltar steht in einer Nische – über dem etwas grossen Tabernakelaufbau – als Kirchenpatron der Erzengel Michael im Kampf mit dem Teufel. Zur Seite die Nebenpatrone Sebastian und Barbara. Das Wappen Beda Angehrns kennzeichnet den Altar als Stiftung des Fürstabtes.
Auf dem Hauptblatt des Seitenaltars links finden wir Maria, die Dominikus und Katharina von Siena den Rosenkranz übergibt. Rechts und links stehen die Prophetin Anna und Anna, die Mutter Mariens.
Der Josefsaltar ist mit einem Bild vom Tod Josefs geziert und flankiert von den Statuen Josef und Joachim. Fünf Putten tummeln sich je auf beiden Aufbauten.
Die Wände sind durch stuckgefasste Stationenbilder geschmückt. Auf den Wandkonsolen finden sich im Chor die Bistumsheiligen Gallus und Otmar und im Schiff die Heiligen Idda von Toggenburg, Antonius von Padua, Franz von Assisi und Niklaus von Flüe. Aufmerksamkeit verdient auch das spätgotische Kruzifix an der Südwand, entstanden um 1600.
Die Deckengemälde, gemalt 1886 durch den Künstler C. Georg Kaiser, thematisieren im Chor: den erhöhten Christus, von Engeln umgeben; im Schiff: die Geburt Christi, im Rahmen Medaillons mit den Apostelsymbolen; über der Orgel; die Vertreibung aus dem Paradies.
Nicht vergessen wollen wir die Kanzel mit Figuren der vier Evangelisten aus dem 17. Jh. und das Taufbecken, dessen Deckel mit einer Skulptur der Taufe Jesu geschmückt ist.
Die liturgischen Neuerungen des zweiten Vatikanums forderten den einheimischen Künstler Walter Burger (1923-2010) heraus, Volksaltar, Ambo und Osterkerzenständer zu gestalten, die sich in den barocken Raum einfügen lassen. Die Symbole des Glaubens – Kreuz, Tisch und Dreieck – fanden in der modernen Altargestaltung schlichten, prägnanten Ausdruck.

 

* Dieser Text ist eine Zusammenfassung aus dem Kapitel „die Pfarrkirche St. Michael” von Robert Bamert, im Buch „75 Jahre Raiffeisenbank Berg-Freidorf 1910 – 1985”, Seiten 107-116. Herausgegeben von Raiffeisenbank Berg-Freidorf, 1985.

Geschichte der Pfarrei Berg-Freidorf

** Die Pfarrei Berg-Freidorf setzt sich heute zusammen aus den Katholikinnen und Katholiken, die in der Gemeinde Berg SG wohnen und aus denen, die im thurgauischen Freidorf, einem Ortsteil der politischen Gemeinde Roggwil TG, zu Hause sind.
Die ältesten Urkunden, die von der Geschichte von Berg erzählen, stammen aus den Jahren 854 und 901. Es handelt sich um Schlichtungsurkunden bezügliche eines Grenzstreites zwischen den Herrschaftsgebieten des Abtes von St. Gallen und dem Bischof von Konstanz. Das ganze Gemeindegebiet war damals schon besiedelt.
Die alemannischen Bauern fühlten die aufsteigende Macht des blühenden Gallusklosters. Die meisten hatten ihren Hof in dessen Schutz gestellt und waren dafür gerne bereit, den jährlichen Zins nach St. Gallen zu entrichten. Im Gegenzug fühlte sich das Kloster berechtigt und auch verpflichtet, für das religiöse Wohl der Bevölkerung zu sorgen, die ursprünglich zur Pfarrei Arbon gehört und damit zum Bistum Konstanz. Wahrscheinlich liess auch das Kloster das erste Kirchlein in Berg errichten.
In der ältesten Urkunde über die Kirche wird berichtet, dass Wolfgram (oder Wolfhere) sich verpflichtete, für das Kirchlein und den Gottesdienst in Berg zu sorgen und diesen Dienst auch in der Kapelle in Steinach zu übernehmen. Dafür wurde er vom Kloster mit Naturalien entlohnt.
Um 1200 tritt dann die Pfarrei Berg deutlicher ins Licht der Geschichte. Sie war jetzt Eigentum des Gallusklosters (gehörte aber weiterhin zur Pfarrei Arbon). Der Abt wählte den Pfarrer und ordnete den Unterhalt von Kirche und Priester.
Das Bethaus in Berg war ursprünglich nur für die st. gallischen Zins- und Dienstleute geschaffen worden, vor allem für die Weiler Berg und Widenhueb. Aber auch die st. gallischen Lehenbauern der benachbarten Siedlungen besuchten den Gottesdienst in Berg und nicht mehr in der weit entfernten Kirche in Arbon. Nebst den Weilern der heutigen Gemeinde Berg schlossen sich auch Freidorf, Erchenwil, Lömmenschwil und Häggenschwil dem neuen Pfarrverband an. Dabei entstanden verschiedene Streitigkeiten mit dem Pfarrer von Arbon, denn die Mutterpfarrei sah es nur ungern, dass sich immer mehr Randgebiete aus ihrem grossen Sprengel abspalteten. Dies bedeutete nämlich für sie eine Verminderung der Zehnten (Abgabe von Naturalien, eine Art Kirchensteuer), der Jahrzeitstiftungen und anderer Einkünfte.
Einen markanten Einbruch in das kirchliche Leben der Pfarrei Berg brachte die Reformation. Diese strebte nach innerer Erneuerung, brachte aber die Trennung von der bestehenden kirchlichen Organisation.

Die Reformation der Pfarrei

Seit 1520 war Sebastian Grübel Pfarrer in Berg. Er war mit Vadian verwandt und predigte seiner Gemeinde den reformierten Glauben. Am 6. Dezember 1528 entfernte er mit dem Pfarrvolk von Berg alle Bilder, Statuen und Altäre aus der Kirche und liess alles in Rauch und Asche aufgehen. Der grosse Grundbesitz der Kirche wurde verkauft. Davon profitierten reiche St. Galler Bürger. Die Leute von Berg sagten sich mit anderen Gemeinden der Herrschaft des Abtes los und schwuren den Zürchern Gehorsam. Sie unterstützten auch den Feldzug der protestantischen Orte gegen die Innerschweiz und bezahlten dafür eine besondere Kriegssteuer.
Die Niederlage bei Kappel wies die Reformer in die Schranken. Der Abt von St. Gallen konnte mit Hilfe der Eidgenossen seine Herrschaft wieder antreten. Grübel verliess die Pfarrei und sein Nachfolger schuldete dem Abt wieder Gehorsam.
Trotzdem ging das Leben vorerst noch im alten Tramp weiter. Ab 1570 schien sich in Berg eine Erneuerung des religiösen Lebens anzubahnen und erst 1588 versammelte sich das Volk zur Neu-Einweihung der Kirche.
Wichtig wurde nun die innere Reform, die vor allem Pfarrer Johann Georg Blarer 1599-1606 in die Gemeinde brachte. Besonders die Jugend sollte jetzt gebildet und im christlichen Geist erzogen werden. Wahrscheinlich auf Anregung des Pfarrers und mit Hilfe des Fürstabtes wurde die erst Schule gegründet. (Anfänglich unterrichtete der Schulmeister in seiner Stube. 1650 wurde das erste Schulhaus gebaut).
Trotz des Reformeifers brannten in Berg die Wunden der Glaubensspaltung weiter. Das katholische Bauernvolk und die reichen evangelischen St. Galler Bürger, die während der Reformation die Landgüter der Kirche erworben hatten, machten sich gegenseitig das Leben schwer. Die reichen Gutshöfe entwickelten sich zu kleinen Schösschen und so wurde zum konfessionellen- auch der soziale Gegensatz gross.
Nebst der Sorge und Mühe, die kleine katholische Gemeinde zusammen zu halten, machten nach 1700 dem Pfarrer von Berg jetzt vor allem auch die st. gallischen Lehenleute auf thurgauischem Gebiet das Leben schwer. Die Leute aus Roggwil, Freidorf und Erchenwil zeigten wenig Lust, den Satzungen und strengen Reformen der kath. Kirche und der Pfarrherren Folge zu leisten. 1630 kam es mit der Pfarrgemeinde Berg zu folgendem Vertrag:
1. Die Katholiken von Freidorf und Erchenwil können weiter den Gottesdienst in Berg besuchen und dort ihre Toten begraben.
2. Sie schulden dem Pfarrer Gehorsam wie die übrigen Pfarrgenossen.
3. Sie sollen die gleichen Feiertage einhalten wie die Katholiken im Thurgau.
4. Sie sollen wie die andere Pfarrgenossen zum Unterhalt der Kirche beitragen, doch haben sie auch das Recht, zwei Vertreter in die Kirchenbehörde zu entsenden.
In dieser Zeit war die Pfarrei Berg sehr gross geworden. Denn nach Verhandlungen des Abtes von St. Gallen mit dem Pfarrer von Arbon und dem Bischof von Konstanz wurden um 1623 die Weiler Lömmenschwil, Häggenschwil und Stegen der Pfarrei Berg eingegliedert.
Diese Weiler wuchsen in den nächsten Jahrzehnten sehr stark und bald wurde der Wunsch nach einer eigenen Kirche und Pfarrei laut. 1728/29 bauten sie, nachdem ein Häggenschwiler Bauer das Land dazu schenkte, die eigene Kirche und feierten an Weihnachten 1728 deren Einweihung und die Errichtung der eigenen Pfarrei.
Die nun wieder kleine Pfarrei Berg mit Freidorf und Erchenwil verloren ihren Mut nicht ganz und realisierten 1776/77 den Umbau ihrer eigenen Kirche auf die uns heute bekannte Grösse.

 

** Dieser Text ist eine Zusammenfassung aus dem Kapitel „Ein Beitrag zur älteren Geschichte von Berg” von Dr. Alois Stadler, im Buch „75 Jahre Raiffeisenbank Berg-Freidorf 1910 – 1985”, Seiten 44-56. Herausgegeben von Raiffeisenbank Berg-Freidorf, 1985.

Der Weg in die Neuzeit

Die beiden Vertragsparteien Berg und Freidorf hatten es auch in Zukunft nicht so ganz einfach miteinander. Nachdem 1805 das Kloster St. Gallen durch den Grossen Rat aufgehoben wurde und 1847 das Bistum St. Gallen – entsprechend seiner Kantonsgrenzen – gegründet war, gab es für die Gemeinde Berg Klarheit bezüglich Zugehörigkeit und Verantwortlichkeit.
Der Kanton Thurgau aber schloss sich 1829 mit einem Konkordat dem Bistum Basel an. Das bedeutete für die Menschen aus Freidorf, dass sie wohl das verbriefte Recht hatten, den Gottesdienst in Berg zu besuchen; Steuer-, Stimm- und Wahlrechtlich aber zu Arbon gehörten. Für die seelsorgerliche Betreuung der Freidorfer entrichtete die Pfarrei Arbon eine Entschädigung an Berg.
Es gelang nicht allen Pfarrern von Berg diese Spannung zu überbrücken. Immer wieder erzählen heute noch ältere Menschen aus Freidorf, wie sie sich als Katholiken zweiter Kasse fühlten.
„Nach längeren Verhandlungen wurde erst 1999 eine Lösung gefunden.
Seit dem Jahr 2000 sind die Katholikinnen und Katholiken der Roggwiler Siedlungen Ächewiil, Chrüüzegg, Freidorf, Frooheim, Hooebüel, Jakobsbärg, Lenggehof, Mäser, Neuwil, Roggebüel und Watt – zusammengefasst unter dem Namen „Freidorf” – Vollberechtigte Mitglieder der Kirchgemeinde Berg und gehören somit zum Bistum St. Gallen” (vergl. Berg – unsere Geschichte – unser Weg, Johannes Huber, Themenverlag, ISBN 978-3-905731-03-3, S. 232). Seither heisst die Pfarrei und Kirchgemeinde offiziell BERGFREIDORF.
Seit Februar 2014 gehört die Pfarrei Berg-Freidorf, zusammen mit den Pfarreien Mörschwil, Steinach und Tübach zur Seelsorgeeinheit Steinerburg. Vorher war sie seit 1995 Teil des Seelsorgeverbandes Steinach-Tübach-Berg/Freidorf.

1996 verliess der letzte Priester altershalber das Pfarrhaus in Berg. Heute werden die priesterlichen Dienste in der Seelsorgeeinheit Steinerburg von den Patres der Unteren Waid (Mörschwil) wahrgenommen.
Im Pfarrhaus wohnen seit 1997 Seelsorgerinnen. Diese leiten und betreuen zusammen mit den Räten und vielen Freiwilligen in den verschiedenen Gruppierungen die Pfarrei. Dabei ist es heute selbstverständlich, dass Menschen aus Freidorf und Berg in diesen Gremien zusammen arbeiten.
Auch in Bezug auf die evangelischen Mitchristinnen und Mitchristen hat sich ein wertschätzendes, gutes Miteinander entwickelt. Die evangelische Kirche steht für Berg und Freidorf in Roggwil TG.

An Pfarrei- und Kirche-sein weiter bauen, ist und bleibt die schöne und verantwortungsvolle Herausforderung – auch heute.
Ein bekanntes Gebet aus dem 14. Jh. sagt es so:
Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füsse, nur unsere Füsse, um Menschen auf seinen Weg zu führen.
Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen.
Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest.
Wir sind Gottes letzte Botschaft, in Taten und Worten geschrieben.

Möge Gottes Segen die Menschen in der Pfarrei Berg-Freidorf darin begleiten.

Judith Romer-Popp, Pfarreileiterin Berg-Freidorf, September 2015